Warum essen die Chinesen mit Stäbchen?

Habt Ihr schon mal versucht, mit Stäbchen Erbsen oder irgendetwas anderes Rundes zu essen? Versucht es mal. Der Lacher ist auf jeden Fall auf Eurer Seite. Ich kann mich noch daran erinnern, dass Alex und ich mal wieder in einem typisch chinesischen Restaurant essen waren und Alex etwas rundes auf dem Teller hatte. Ich lag nach einiger Zeit mit Tränen in den Augen quer über dem Tisch. Also, warum machen sich fast alle Asiaten das Leben so schwer? Mit einer Gabel wäre die Erbse relativ einfach aufgespießt und hätte eine Chance noch warm im Mund zu landen. Apropos „warm“. Noch so eine asiatische Eigenart: Das Essen muss nicht mehr warm sein. Darauf wird kein Wert gelegt, aber dazu mehr an einer anderen Stelle.

Aber mal abgesehen davon, dass man in China keinen gesteigerten Wert auf warmes bzw. heißes Essen legt, landet das Essen selbstverständlich warm im Mund, wenn der Esser oder die Esserin das wünscht. Denn geübte Stäbchen-Nutzer und Nutzerinnen bringen einfach ihre Schale so nah an den Mund, dass die Stäbchen nur noch als Schaufel und nicht mehr zum Greifen genutzt werden. Das geht dann wiederum echt schnell. Diese Technik ist besonders beliebt beim Essen von Nudeln und erklärt dann auch, warum Chinesen diese Schlürfen. Anders bekommt man sie einfach nicht in den Mund. Abbeißen wäre fatal. Das bringt Unglück. Die Chinesen glauben, dass das Abbeißen von Nudeln das Leben verkürzt. (Die nähere Erklärung folgt in einem andern Beitrag)

Zurück zu den Stäbchen in Asien und dem Besteck in unseren Breitengraden. Übrigens isst man in Singapur traditionell mit Gabel und Löffel. Manchmal auch Stäbchen. Als wir hierher gezogen sind, habe ich versucht, Besteck zu kaufen. Ich konnte bei Ikea nur Bestecksets mit Gabeln und Löffel finden. Messer kennt man dort nicht. Ich habe Messer gefunden. Nicht bei Ikea, aber es gibt ja noch unzählige andere Läden hier.

Eine Theorie besagt, dass es Konfuzius war, der sagte, dass Messer am Tisch eine „barbarische Unsitte“ wären und man deshalb in Asien mit Stäbchen ißt. Scheint mir aber nicht ganz so logisch, denn mit der Aussage verbannt er zwar die Messer, nicht aber Löffel und Gabel? Warum essen nicht alle wie die Singapurianer?

Archäologen zufolge haben Chinesen schon um 2.000 v. Chr. ihre Fleisch und Gemüse kleingeschnitten, um beim Kochen nicht nur Zeit, sondern in erster Linie auch Energie und somit Brennholz zu sparen. Holz war in China schon immer knapp.

Ist Euch mal aufgefallen, dass noch heute alle Zutaten in chinesischen Gerichten in mundgerechte Stücke zerteilt, zubereitet werden? Jetzt wisst Ihr warum.

Die Fleisch- und Gemüsestückchen haben sie dann mit langen schlanken Zweigen aus den Töpfen gefischt. Aus diesen Zweigen wurden über die Jahre Stäbchen. Zunächst aus Holz oder Bambus, auch weil dieses Material geschmacksneutral ist. Es gab und gibt aber auch Stäbchen aus Jade, Elfenbein oder Messing, die sich allerdings nur die Oberschicht leisten konnte. Wer es richtig krachen lassen wollte und noch dazu Angst davor hatte, vergiftet zu werden, hatte Stäbchen aus Silber. Man glaubte, dass sich die silbernen Stäbchen schwarz verfärben würden, wenn sie mit Gift in Berührung kamen. Das Problem: Sie verfärben sich, wenn sie mit Knoblauch und Zwiebeln, zwei sehr beliebte Zutaten in der chinesischen Küche, in Kontakt kommen.

Aber mal abgesehen vom Material sind Stäbchen auch nicht gleich Stäbchen. Es gibt darüber hinaus noch längere und kürzere, runde und eckige, dicke und dünnere. Tatsächlich ist das landesspezifisch, bzw. kommt es darauf an, wofür die Stäbchen verwendet werden.

  • In China verwendet man eher die längeren, etwas dickeren Stäbchen. In aller Regel sind sie oben quadratisch und haben eine runde, flache Spitze. Das Material: Holz oder Bambus. Man geht davon aus, dass die chinesischen Stäbchen länger sind, weil nicht jeder einen Teller vor sich stehen hatte, sondern alle Gerichte in kleinen Schüsseln in der Mitte des Tisches standen und alle sich daraus bedienten.
  • Japanische Stäbchen sind vergleichsweise kürzer und rund und laufen zum Ende hin spitz zu. Für Frauen und Kinder gibt es sogar noch kürzere Größen. Auch die Japanischen Stäbchen sind meist aus Holz, aber lackiert.
  • Die Stäbchen der Koreaner sind länger als die der Japaner, viereckig und platt und in aller Regel aus Messing oder Silber.
  • Und dann gibt es noch extra lange Stäbchen. Diese werden zum Kochen verwendet.

Wenn man jetzt bedenkt, wie viele Menschen mit Stäbchen essen, kann man ausrechnen, wie viele Stäbchen gebraucht werden und da wären wir schon wieder beim Holzproblem. Und für alle, die es nicht ausrechnen wollen: Weltweit werden jährlich 60 Milliarden gebraucht.

Man könnte jetzt meinen, dass man die Stäbchen doch einfach spülen und wieder verwenden könnte, aber die chinesische Regierung rät ihre Bevölkerung zu Einweg-Stäbchen. Das Problem war, dass die meisten Stäbchen eben nicht gut genug gesäubert wurden und ziemlich stark mit Bakterien und Keimen verunreinigt waren. Da diese Einweg-Stäbchen jetzt aber ein ökologisches Problem darstellen, wundert die Regierung wieder zurück und erhebt seit einiger Zeit eine Sondersteuer, um den Stäbchenverbrauch wieder zu reduzieren.

Aber, wie dem auch sei, Tatsache ist: Das Essen mit Stäbchen macht schlau! Um korrekt mit Stäbchen zu essen, müssen in der Hand über 30 verschiedene Muskeln koordiniert werden. Durchaus eine Herausforderung für das Gehirn.

Für alle, die ab jetzt mit Stäbchen essen wollen, noch ein wichtiger Hinweis: NIE, also absolut nie, die Stäbchen in die Schüssel stecken. Auch das bringt Unglück, denn in eine Schüssel gesteckte Stäbchen sehen aus wie Räucherstäbchen, die in eine Schale gesteckt wurden.

Zum Schluss noch ein wenig Statistik:

  • Weltweit essen 900 Millionen Menschen mit Besteck.
  • 1,2 Milliarden Menschen essen mit Stäbchen und
  • vier Milliarden Menschen mit den Händen.

Müsste die Frage also nicht eigentlich heißen: Warum essen wir mit Besteck?

Bildnachweis: Foto von Valeria Boltneva von Pexels

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